Donnerstag, 11 Oktober 2012 05:32
Auf den Spuren jüdischen Lebens in Rhede
Geschichtsunterricht mal anders: die Realschüler der Klasse sieben mit Rudolf Schütte (sitzend, Mitte) sowie (hinten von links) Schulleiter Hermann Wilkens, Jasmin Bruck, Klassenlehrerin Daniela Book und Michal Kümper (rechts). Foto: Gerd Schade
Rhede. Ein Foto der Fußballmannschaft des SuS Rhede aus dem Spieljahr 1927/28 zeigt es schwarz auf weiß: Die Juden in Rhede waren vor der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland (1933–1945) in der Dorfgemeinschaft voll integriert.
Das berichtete Rudolf Schütte (85) gestern Siebtklässlern der Ludgerusschule im Rahmen eines Projekttages zum Thema Jüdisches Leben in Deutschland. Dazu machte gestern auch das Jüdische Museum Berlin in der Schule Station.
Schütte, ein Gründungsmitglied des Rheder Heimatvereins, beschäftigt sich unter anderem seit vielen Jahren mit der Geschichte der jüdischen Familien in Rhede. Vor zwei Jahren brachte er ein viel beachtetes Büchlein heraus, in dem er die Geschichte der einst in Rhede ansässigen jüdischen Familien Leser aufgearbeitet hat. Die Biografien handeln von Auswanderung, Flucht, Repression, Flucht vor Erschießung, Verhaftung und Ermordung, aber auch von Nachbarn, die die Lesers durch die Hintertür mit Kartoffeln versorgten. Schütte hat das Ergebnis seiner Nachforschungen bewusst mit dem Titel „Beitrag zur Geschichte der jüdischen Familien in Rhede“ versehen, weil er keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.
Lebhaft schilderte er den Schülern von heute Erinnerungen aus der Zeit seiner Einschulung 1933, dem Jahr, in dem das Regime der Nationalsozialisten begann. Seinerzeit hätten insgesamt fünf jüdische Familien in Rhede gelebt, unter anderem an der Straße Sudende im Ortskern und an der Neurheder Straße. Bis 1933 hätte man untereinander ein normales Verhältnis und gute Nachbarschaft gepflegt. 1923 sei beispielsweise ein Jude Schützenkönig gewesen. Wie schnell sich die Stimmung zehn Jahre später gewandelt habe, zeige ein Bericht aus dieser Zeitung vom 18. Mai 1933. Dem Artikel zufolge hetzte ein Redner die Zuhörer auf der monatlichen Pflichtversammlung der NSDAP im Saal Conens mit Ausführungen über die „Rassenfrage“ auf. „Kurz darauf wurden in den ersten Häusern der Juden die Scheiben eingeworfen“, berichtete Schütte. Im Sommer 1933 seien bereits mehr als 50 Rheder der nationalsozialistischen Partei NSDAP beigetreten. „Aber nicht alle waren auch Nationalsozialisten“, erklärte Schütte. So sei beispielsweise der damalige Leiter der Ludgerusschule gezwungen gewesen, Parteimitglied zu werden. Andernfalls hätte er seinen Job verloren.
Sichtlich bewegt
Sichtlich bewegt von den Schilderungen Schüttes zeigte sich Jasmin Bruck, Mitarbeiterin des Jüdischen Museums und selbst Jüdin. Anders als mehrere Mitglieder der jüdischen Familien Leser aus Rhede hätten ihre Großeltern die NS-Zeit, während der allein mehr als sechs Millionen Juden ermordet wurden, nicht überlebt.
Bruck und ihre Kollegen Michal Kümper und Johannes Schwarz machten gestern mit dem mobilen Museum über jüdisches Leben in Deutschland (nicht nur während der Nazizeit) Station in Rhede. Die Ludgerusschule hatte sich unter mehr als 60 Schulen in Niedersachsen und Bremen um einen Projekttag bei dem Museum beworben und bekam als Einzige aus der Region den Zuschlag. Das interaktive Konzept, das unter anderem mobile Themeninseln und einen iPad-Workshop umfasst, wurde 2009 von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet. Inzwischen geht es bewusst weit über jüdische Themen hinaus. Nach Angaben der Museumspädagogen diskutieren die Schüler auch über Toleranz, Integration und Identität und hinterfragen ihre Werte, Ansichten und Ziele.
Einige wenige Exemplare von Rudolf Schüttes „Beitrag zur Geschichte der jüdischen Familien in Rhede“ sind für 5 Euro beim Autor, Telefon 0 49 64/806, erhältlich.

